Einleitung zum Contraste-Schwerpunkt

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Beispiele für Peer-Produktion

Benni Bärmann

Das letzte Mal schrieb ich vor über sieben Jahren eine Schwerpunkt-Einleitung an dieser Stelle (Sommer 2001). Damals beschäftigten wir uns mit der Frage, was das Besondere an der Produktionsweise Freier Software sei. Dieser Schwerpunkt heute ist so etwas wie eine Fortsetzung des damaligen (und eines weiteren vom März 2003).

Wie viel sich in diesen Jahren getan hat, macht vielleicht am Besten das Beispiel Wikipedia klar. Damals war das Projekt gerade gegründet worden und selbst ich hab ihm keinerlei Erfolgsaussichten zugesprochen. Die Idee eine Enzyklopädie nur mit Freiwilligen zu schreiben, erschien einfach völlig abwegig. Wer wollte sich so einen langweiligen Mist antun? Nur wenig später hab ich mich selbst an dem langweiligen Mist beteiligt und fand es das Tollste auf der Welt. Heute ist Wikipedia nicht nur die größte und aktuellste Enzyklopädie der Welt, sie ist auch ein wunderbarer Einstieg in jedes Gespräch über die Möglichkeiten von Selbstorganisation in Zeiten des Internet – weil sie einfach jeder kennt und die meisten benutzen.

Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Situation in Bezug auf die Möglichkeiten, materielle Produktion zu organisieren. Niemand will so richtig glauben, dass es geht, aber es gibt schon die ersten, die es einfach versuchen. In diesem Zusammenhang steht auch die Veröffentlichung des Buches „Beitragen statt Tauschen“ von Christian Siefkes (AG SPAK Bücher, Neu-Ulm, 2008). Die besondere Stärke dieses Buches liegt darin, dass es die damals noch eher rumwabernden Fragen nach der Verallgemeinerung des Produktionsprinzips Freier Software sehr konkret stellt. In einer Art Gedankenexperiment entwickelt Christian ein Modell, wie die Produktion und Reproduktion des Lebens nach diesen Prinzipien in allen Bereichen der Gesellschaft funktionieren könnte. Es ist dabei keine beliebige Utopie, sondern versucht eben, die schon beobachtbaren Prinzipien der neuen Produktionsweise zu verallgemeinern.

Christian geht dabei aus von der Definition des amerikanischen Juristen Yochai Benkler zur „commons-based peer production“. Dieser auf den ersten Blick etwas sperrige Begriff Benklers hat die Diskussion in den letzten Jahren erstaunlich produktiv fokussiert. Er beschreibt die neuen im Internet entwickelten Produktionsweisen bei Freier Software, bei der Wikipedia oder unzähligen anderen freien und offenen Projekten auf der Basis dreier charakteristischer Elemente: Commons, freiwillige Kooperation und Reputation. Benkler selbst bezweifelt dabei die Anwendbarkeit dieser Form der Produktionsorganisation auf materielle Produktion. Das sieht Christian anders, und sein Buch ist der Versuch, das zu beweisen. Dabei zielt er vor allem auf ein viertes charakteristisches Merkmal ab, das bei Benkler zwar auch schon beschrieben, aber noch nicht in seiner vollen Tragweite erkannt wird, während Christian es zum Titel seines Buchs gemacht hat: „Beitragen statt Tauschen“. Beitragen statt Tauschen bedeutet in letzter Konsequenz nichts anderes, als dass der Tauschwert als beherrschendes Prinzip abgelöst wird durch eine bedürfnisorientierte Produktion. Daran merkt man auch, dass Christians Buch – obwohl weitgehend frei von marxistischer Terminologie – dennoch auf der Grundlage der marxschen Kategorien arbeitet.

Was aber ist diese ominöse „Peer-Produktion“ eigentlich genau? Man kann es vielleicht so beschreiben: Peers, also „Gleichrangige“, kooperieren und stellen das her, was sie haben wollen. Dabei ist Herstellen oder Produktion im weitesten Sinne zu verstehen. Es geht um alle Güter und Leistungen, die sich Peers wünschen – und nicht bloß um solche, die verkaufbar sind.

Die vier charakteristischen Merkmale der Peer-Produktion wurden bereits erwähnt. Erstens geht es um Beitragen statt um Tauschen. In der Marktwirtschaft stellen getrennte Produzenten etwas her, was sie anschließend tauschen. In Peer-Projekten wollen die Projekt-Mitglieder ein Ziel erreichen und tragen zu diesem Ziel bei. Der Aufwand wird unter denen aufgeteilt, die den Erfolg des Projektes erreichen wollen. Es ist also der Nutzen, der die Projekt-Mitglieder motiviert und nicht das Geld.

Zweitens beruht die Peer-Produktion auf freier Kooperation statt auf Zwang. Niemand kann anderen befehlen, etwas zu tun, und niemand ist gezwungen, anderen zu gehorchen. Das bedeutet nicht, dass es keine Strukturen gäbe — im Gegenteil. In der Freien Software gibt es zum Beispiel Maintainer, also Kümmerer, die etwa darüber entscheiden, welche Beiträge angenommen und welche abgelehnt werden. Wenn Menschen mit einem Projekt unzufrieden sind, können sie versuchen, die anderen davon überzeugen, es zu verändern. Und wenn das scheitert, dann können sie das Projekt immer noch „forken“: Sie können sich von den anderen trennen und ihr eigenes Ding machen.

Drittens beruhen Peer-Projekte auf Commons und Besitz statt auf Eigentum. Besitz ist etwas, das benutzt werden kann, Eigentum hingegen etwas, das verkaufbar ist. Commons stehen allen gemeinsam zu – sie können verschiedenen Eigentumsformen unterliegen, entscheidend ist aber, dass sie nicht gekauft und verkauft werden. Commons können Input oder Output von Peer-Projekten sein – oder beides. Güter werden hergestellt, um sie – als Commons oder Besitz – zu benutzen, nicht um sie – als Eigentum – zu verkaufen.

Und schließlich kommt es in Peer-Projekten eher auf die Reputation an, während Status und Statussymbole an Bedeutung verlieren. Formale Kriterien wie Berufsbezeichnung oder akademischer Titel finden wenig Beachtung; angeborene Merkmale wie Hautfarbe oder Alter sind oft nicht einmal bekannt. Stattdessen werden Menschen aufgrund ihrer Beiträge beurteilt; sowohl die Qualität ihrer Beiträge als auch die Initiative der Beitragenden (etwa durch Gründung neuer Projekte) tragen zur Reputation bei.

Ein Schlüssel zum Verständnis der Peer-Produktion (und damit auch der Peer-Ökonomie) liegt im Begriff der „Commons“. Diese Gemeingüter (wie eine nur unzureichende Übersetzung lautet) werden in unserem Schwerpunkt im Beitrag von Silke Helfrich vorgestellt. Schon dabei wird deutlich, dass Commons schon immer sowohl im Materiellen als auch im Immateriellen vorkommen. Der Begriff der Commons ist wohl auch ein Schlüssel, um unsere ursprünglich eher technizistisch gestartete Diskussion verallgemeinerbar zu machen. Mit dem Kampf um neue und alte Commons können sich erstaunlich viele soziale Bewegungen identifizieren. Vom Saatgut über Medikamentenpatente, von der Atmosphäre über die Biodiversität, von Wissen und Software bis zu dem Zugriff auf Wasser und Land finden wir uns alle in den Commons wieder. Ihre kapitalistische Enteignung ist dabei ein schon Jahrhunderte währender Prozess, doch gleichzeitig ist der von Benkler beschriebene immaterielle Bereich ein Anzeichen dafür, dass auch ständig neue Commons entstehen.

Stefan Meretz hat die Fragen und Antworten gesammelt, die auf einem Wochenendworkshop zum Thema Peer-Ökonomie aufgekommen sind. Er folgt damit der guten Tradition der FAQs (frequently asked questions), die im Umfeld der Freien Software entstanden ist. In ihrer Gesamtheit sind diese Antworten gut dafür geeignet, einen Einblick in das Modell der Peer-Ökonomie zu gewinnen.

Viele Probleme der Commons werden traditionell als ein Problem des Eigentumsregimes beschrieben: Wer privatisiert oder verstaatlicht was? Die neue Perspektive wäre demgegenüber nicht so sehr, wem etwas gehört, sondern was man damit machen darf. Ein interessantes Projekt, das noch ganz am Anfang steht, aber sich genau diesem Spannungsfeld ganz praktisch widmet, ist das Projekt „PublicPrivateProperty“, das Thomas Kalka in einem kleinen Artikel vorstellt.

Annette Schlemm gibt schließlich zusammen mit Christian selbst einen Überblick über die aktuellen konkreten Entwicklungen und skizziert Handlungsoptionen.

Eins ist klar: so wie es derzeit läuft, kann es nicht weiter gehen. Wirtschaftskrise, Naturzerstörung, Hunger und Not in aller Welt zeigen das klar genug. Die Peer-Produktion zur Peer-Ökonomie zu erweitern, ist also nicht nur eine gedankliche Fingerübung, sondern eine Notwendigkeit.


Dieser Artikel erschien im Contraste-Schwerpunkt zum Thema Peer-Ökonomie (Januar 2009). Er darf unter den Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz »Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland« frei verbreitet, verändert und verändert verbreitet werden, sofern der Autor genannt wird und die Lizenz erhalten bleibt.